Postionspapier "Unsere Kirche"
Unsere Kirche, die Kirche Jesu Christi, ist eine offene und tolerante, eine einladende und heimatliche Kirche.
Im Projekt Samuel haben sich hunderte Kinder und Jugendliche aus den Verbänden des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend im Diözesanverband Freiburg in Gruppenstunden, Ferienfreizeiten, auf Konferenzen und Versammlungen, in Leitungsrunden und Dekanatsteams mit ihrer Kirche auseinandergesetzt.
Die vielfältigen Ergebnisse dieser Beschäftigung sind hier in drei Thesen zusammengefasst. Kinder und Jugendliche haben eine eigene Meinung dazu, was sie von der Kirche erwarten und wie sie sie mitgestalten wollen. Dabei kommt es zunächst nicht auf eine ausgefeilte theologische Begründung an: Im Geist des II. Vatikanischen Konzils hören wir auf die »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute«11, um so einen Beitrag zur Frage zu leisten, wie die Kirche heute ihren Dienst an den Menschen wahrnehmen kann.
1. In unserer Kirche arbeiten Priester und Laien, junge und alte Menschen partnerschaftlich zusammen. In unserer Kirche können alle Menschen ihre Berufung leben: Männer und Frauen, als Laie, als Priester, als Priesterin. In unserer Kirche reden wir mit: Wir sind getauft, viele von uns sind gefirmt – und deshalb sind wir auch dazu berufen, uns einzubringen. Wir wollen Verantwortung übernehmen – und das bedeutet mitzuarbeiten, aber auch mitzuentscheiden und das zu kritisieren, was wir anders sehen.
Junge Menschen sind bereit, sich in der Kirche einzubringen. Sie wissen, dass sie einen wichtigen Beitrag leisten können, und sie erwarten dafür auch Anerkennung und Respekt. Für junge Menschen ist es selbstverständlich, dass alle Menschen gleichberechtigt miteinander umgehen. In der Kirche gibt es viele Berufungen – aber kein Mensch ist mehr wert als andere, weil er oder sie eine besondere Berufung oder Weihe hat. Für Kinder und Jugendliche ist es unverständlich, warum Gleichberechtigung und Demokratie so wenig Platz in der Kirche haben. Verweise auf die Tradition, mit denen Frauen und Laien allgemein von Leitungsverantwortung ausgeschlossen werden, überzeugen sie nicht. Darüber hinaus verstehen sie nicht, , warum der Zölibat zwingende Voraussetzung für das Priesteramt ist.
Viele Menschen schätzen den Papst als Oberhaupt und Vorbild. Die, die dabei waren, denken gerne an die Vigil mit dem Papst in Freiburg zurück und haben daraus Impulse für ihren Glauben ziehen können. Sie hinterfragen aber auch Strukturen und Macht, sie fordern Veränderungen und Mitbestimmung.
2. In unserer Kirche können wir unseren Glauben leben: Wir feiern unseren Glauben mal modern, mal ganz klassisch. Wir gestalten Gottesdienste und Gebete selbst mit, und wir experimentieren und probieren aus. In unserer Kirche leben wir unseren Glauben nicht nur sonntags in den Kirchenbänken: Auch unsere Gruppenstunden und Ferienfreizeiten gehören dazu.
Gottesdienst und Liturgie ist für Kinder und Jugendliche mehr als nur ein genau definierter und vorgeschriebener Ablauf. Klassische Formen sind interessant; aber nur Tradition und Vorschrift reichen ihnen nicht aus. Jugendliche begeistern sich für alternative Gottesdienstformen, z.B. auch für meditative Taizégebete. Sie wollen ihr Leben, ihre Kultur und ihre Ästhetik, ihren Geschmack auch in den Gottesdienst einbringen. Dafür kann es nicht nur eine vorgeschriebene Form geben: Um eine Liturgie aus dem Leben für das Leben zu feiern, braucht es Experimente – Experimente, die auch mal scheitern können.
Glauben leben beschränkt sich für Kinder und Jugendliche nicht auf den Sonntagsgottesdienst im Kirchenraum. Nur weil sie dort nicht oder nicht immer gesehen werden, sind junge Menschen nicht kirchenfern. Viel mehr beschreiben sie Kirche als Heimat: Der eigene Verband, die eigene Pfarrei. Der Kontakt mit glaubwürdigen Menschen ist wichtig. Pfarrer sollen Seelsorger sein, keine Verwalter – und wenn das wegen der Größe der Seelsorgeeinheiten nicht möglich ist, braucht es Laien, die als Seelsorgende Gemeindeleitung wahrnehmen.
3. Unsere Kirche ist bei den Menschen, sie kennt ihre Sorgen und Nöte, und sie weiß, wie wir leben und was uns wichtig ist. Sie unterstützt uns dabei, gute Entscheidungen zu treffen, ohne uns einzuengen. Unsere Kirche nimmt die Entscheidungen von Menschen ernst, ohne sie auszuschließen. Unsere Kirche ist an der Seite der Armen und Ausgegrenzten und hilft ihnen zu einem guten Leben.
Für Kinder und Jugendliche gehört soziales Engagement dazu: In den Jugendverbänden lernen sie, sich für andere einzusetzen und Verantwortung zu übernehmen. Sie schätzen, dass viele Christinnen und Christen aus ihrem Glauben heraus Gutes tun und Solidarität üben, und sie schätzen, dass dies im Namen und unter dem Dach der Kirche als Organisation stattfindet.
Kinder und Jugendliche haben ein gutes Gespür dafür, wann Menschen ausgegrenzt und an den Rand gestellt werden. Sie verstehen nicht, wie es sich mit der Liebesbotschaft Jesu verträgt, wenn die Kirche die Liebe von Menschen dann nicht anerkennt, wenn sie das gleiche Geschlecht haben. Es ist für sie unverständlich, warum die Antwort der Kirche auf das Scheitern von Beziehungen der Ausschluss von den Sakramenten ist, wenn diese Menschen neue Liebe finden.
Mit der Sexualmoral der Kirche können junge Menschen nichts anfangen: Sie wird als weltfremd und von Angst und Enge beherrscht empfunden. Verhütung ist für junge Menschen nicht Sünde, sondern Verantwortung für den Partner oder die Partnerin. Einvernehmlicher, verantwortungsvoller Sex vor der Ehe und Homosexualität ist für sie nicht Sünde, sondern Liebe. Die Kirche stellt sich mit ihrer Sexuallehre selbst ins Aus: Was sie Gutes, Wahres und Hilfreiches zu sagen hat, geht unter in weltfremden Verboten, die nichts mit der Lebenswelt junger Menschen zu tun haben.
Unsere Kirche, die Kirche Jesu Christi, ist eine offene und tolerante, eine einladende und heimatliche Kirche.
Den Kindern und Jugendlichen, die sich in den Verbänden des Bundes der Deutschen katholischen Jugend zusammengeschlossen haben, sind die Kirche und die Nachfolge Christi wichtig. In den Verbänden leben sie ihren Glauben. Sie legen Wert darauf, diese kirchliche Heimat mitgestalten zu können.
Vieles in der Kirche ist Kindern und Jugendlichen fremd – trotzdem bekennen sie sich in kritischer Solidarität zu ihrer Kirche.
